Kommentar von Stefan Liebing in der Welt vom 30.10.2018

Deutsche Unternehmen wagen es bislang kaum, in Afrika zu investieren – weil bürokratische Hürden zu hoch und Risiken zu groß sind. Die Bundesregierung muss gerade Mittelständler in zwei Punkten unterstützen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zum großen G-20-Afrika-Gipfel nach Berlin geladen und elf Staats- und Regierungschefs sind gekommen. Sie führen jene Länder, die seit einem Jahr Teil des „Compact with Africa“ sind – einer Initiative, die Deutschland während seines G-20-Vorsitzes angeschoben hat.

Diese Initiative soll dazu führen, dass afrikanische Länder mithilfe der entwickelten G-20-Staaten Reformen umsetzen. Diese Reformen sollen dann mehr ausländische Direktinvestitionen in den jeweiligen Ländern auslösen, die dann Arbeitsplätze schaffen und Migrationswellen reduzieren sollen.

So weit, so gut. Es bleibt die Frage, ob der Ansatz ausreichen wird, um konservative, manchmal risikoscheue deutsche Mittelständler dazu zu bewegen, in Afrika zu investieren und dort Geschäftschancen zu erschließen.

Ich glaube: Nein. Kein einziges Unternehmen wird deshalb neu in Afrika investieren, weil dort künftig die Steuersysteme besser funktionieren oder die Zollverwaltungen. Stattdessen benötigen wir Bewegung auf zwei ganz anderen Gebieten.

Erstens: Wir brauchen eine neue Form der Risikoverteilung zwischen privater und öffentlicher Hand, wenn es um die Erschließung neuer und riskanter Märkte geht. Mittelständische Unternehmen brauchen und wollen keine Subventionen für ihre Geschäfte in Afrika. Was sie benötigen, ist die Sicherheit, dass die Bundesregierung sie unterstützt, wenn größere Probleme auftreten:.

Wenn Regierungen sich nicht an geschlossene Verträge halten, staatliche Auftraggeber nicht für gelieferte Waren bezahlen, neue Gesetzgebung zu Enteignungen oder riesigen bürokratischen Hürden führt. Wenn also Teil- oder Totalverluste drohen, die ein Unternehmen in Deutschland nicht ohne Weiteres abfedern kann, dann brauchen wir Unterstützung nicht nur durch politische Begleitung, sondern auch durch konkrete Versicherungen und Garantiemechanismen, die größeren Schaden für den Mittelstand verhindern.

Solche Maßnahmen kann Deutschland bilateral und gern auch im Rahmen der G-20-Initiative umsetzen. Im Koalitionsvertrag sind sie vorgesehen. In Form von Gesetzentwürfen liegen sie bislang allerdings nicht vor. Letztlich geht es um nichts weniger, als Entwicklungs- und Außenwirtschaftspolitik zu verschränken und gemeinsam zu denken. Und damit um einen Paradigmenwechsel.

Zweitens: Deutschland muss in Afrika sichtbarer werden. Viele afrikanische Staats- und Regierungschefs, aber auch Unternehmer drücken im Gespräch immer wieder ihre Verwunderung darüber aus, dass sich die stärkste Volkswirtschaft Europas in Afrika so wenig sehen lässt. Hochrangige politische Besuche auf dem Kontinent sind überschaubar.

Prominente Großprojekte deutscher Unternehmen lassen sich an einer Hand abzählen. Und auch große internationale Gipfel und Konferenzen mit Bezug auf den Kontinent finden kaum in Deutschland statt. Ist Deutschland in Afrika abwesend? Nicht ganz.

Viele Dax-Konzerne ebenso wie deutsche Mittelständler sind auf dem Kontinent tätig, häufig sehr erfolgreich und nach hohen sozialen und Umweltstandards, immer in Verbindung mit Angeboten zur Berufsausbildung und Hilfsprogrammen. Häufig in gut funktionierenden kleineren Projekten. Wie das gerade der Mittelstand besonders beherrscht.

Und dennoch: Um für die wirklich wichtigen und großen Vorhaben auf den Radarschirm afrikanischer Partner und Regierungen zu kommen, muss Deutschland als Ganzes sichtbarer werden. Dafür brauchen wir einen Anlass. Der G-20-Afrika-Gipfel ist eine solche Gelegenheit.Aber: Wir brauchen ein solches Treffen nicht einmalig, sondern regelmäßig.

Die Tatsache, dass alle eingeladenen Staats- und Regierungschefs gekommen sind, zeigt, wie hoch die Wertschätzung für die Bundeskanzlerin und für Deutschland ist. Das sollten wir nutzen und regelmäßig zu einem Deutschland-Afrika-Gipfel bitten. Nicht nur die elf Compact-Partnerländer, sondern alle Staaten.

So wie das seit vielen Jahren in Japan, Frankreich oder China geschieht. Damit wir zeigen: Afrika ist uns wichtig. Damit wir auch in Deutschland den Unternehmen demonstrieren: Wir können es uns nicht leisten, die Entwicklungen in Afrika zu ignorieren. Und nicht zuletzt, damit unsere Freunde und Partner in Afrika sehen: Deutschland ist nicht abwesend.

Stefan Liebing